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Zwischen Sitzung und Selbstorganisation: Warum Solo-Psychotherapeuten besondere Entlastung brauchen

20. Januar 2026 | Beata Luczkiewicz
Lächelnde Frau neben Bildschirm auf dem CGM Praxis zu sehen ist und das Icon einer Cloud-Wolke

Ein Blick auf die fehlende MFA, Selbstverwaltung und typische Stolpersteine

Ein großer Teil der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland findet nach wir vor in Einzelpraxen statt. Viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten entscheiden sich bewusst für die Selbstständigkeit, da sie Freiheit, Gestaltungsspielraum und die Möglichkeit bietet, die eigene therapeutische Haltung ohne institutionelle Vorgaben umzusetzen. Doch diese Freiheit bedeutet auch: Wer alleine arbeitet, trägt die Verantwortung ebenfalls alleine – organisatorisch, administrativ und technisch.  

Die Praxis ohne MFA – ein strukturelles Spannungsfeld

Was in ärztlichen Praxen selbstverständlich ist, fehlt in psychotherapeutischen Einzelpraxen fast immer: die Unterstützung durch eine Medizinische Fachangestellte. Terminmanagement, Telefon, Rückrufe, Antragswesen, Fristenkontrolle, Dokumentation, Abrechnung, Datenschutz – all diese Aufgaben liegen bei der Praxisinhaberin oder dem Praxisinhaber selbst. 

Dieser permanente Wechsel zwischen therapeutischer Präsenz und administrativen Anforderungen kostet Kraft. In der einen Minute ist man in ein sensibles Gespräch vertieft, in der nächsten ist man mit Formularen, Software oder organisatorischen Engpässen beschäftigt. Diese Fragmentierung ist anstrengend und begünstigt Erschöpfung. Schon kleine Unterbrechungen können die therapeutische Arbeit stören und wertvolle Konzentration binden.  

Hohe Verantwortung bei knappen Ressourcen

Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in einer Einzelpraxis tragen die gesamte Selbstverwaltung: Datenschutz, Dokumentationspflichten, Kommunikation mit Kostenträgern, KV-Abrechnung oder – in der Privatpraxis – Rechnungsstellung nach GOP. Hinzu kommen steigende Anforderungen durch elektronische Patientenakten, TI-Anbindung und Qualitätssicherung. 

Privatpraxen bieten dabei besondere Flexibilität. Sie arbeiten unabhängig von der Kassenärztlichen Vereinigung, behandeln Selbstzahler, Privatversicherte und gesetzlich Versicherte im Kostenerstattungsverfahren. Manche ergänzen ihr Angebot durch Coaching oder Beratung, was fachlich bereichernd, organisatorisch jedoch noch vielfältiger ist. 

Der Gestaltungsspielraum ist groß, aber die Belastung auch. Ein hoher persönlicher Einsatz, wirtschaftliche Verantwortung und ein administratives Pensum, das deutlich über die reine Behandlungszeit hinausgeht, prägen den Alltag. Wer eine Einzelpraxis führt, ist Therapeut und Unternehmer mit allen dazugehörigen Aufgabenfeldern, die häufig unterschätzt werden. 

Typische Stolpersteine im Alltag sind:

  • überdimensionierte oder unübersichtliche Praxissoftware, die mehr Komplexität als Unterstützung schafft 
  • technische Probleme ohne verlässlichen Support, die Zeit und Nerven kosten 
  • ständiges Rollenwechseln zwischen therapeutischer und administrativer Rolle, was zu innerer Unruhe führt 
  • fehlende betriebswirtschaftliche Orientierung, die Entscheidungen erschwert 

All das summiert sich, insbesondere, wenn man allein verantwortlich ist. 

Was hilft? Entlastung als professionelle Haltung 

Entlastung bedeutet nicht, „mehr Technik“ einzusetzen. Entlastung beginnt damit, Strukturen zu schaffen, die die therapeutische Arbeit schützen. 

  • Realistische Selbstorganisation 
    Klare Zeitfenster für Verwaltung und bewusste Pausen zwischen den Sitzungen. 
  • Passende Werkzeuge statt komplexer Systeme 
    Software, die logisch aufgebaut ist und sich an den psychotherapeutischen Prozess anpasst. 
  • Digitale Unterstützung mit Augenmaß 
    Automatisierungen dort, wo sie sinnvoll sind und nicht dort, wo sie zusätzliche Hürden erzeugen. 
  • Kollegialer Austausch 
    Intervision, Supervision und Netzwerke schaffen Entlastung – fachlich wie emotional. 

Fazit: Entlastung ist Voraussetzung für wirksame Therapie 

Einzelpraxen tragen einen Hauptanteil der psychotherapeutischen Versorgung. Doch ihre Struktur macht sie auch besonders verletzlich. Wer dauerhaft wirksam arbeiten möchte, braucht neben klinischer Kompetenz auch tragfähige organisatorische Grundlagen – und die Verantwortung, sich selbst zu entlasten. 

Zwischen Sitzung und Selbstorganisation zeigt sich: Entlastung ist keine Schwäche, sondern ein professioneller Schutzraum. Für die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten – und für die Menschen, die ihre Unterstützung brauchen. 

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