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Therapie überall: Warum ortsunabhängiges Arbeiten für Psychotherapeuten immer wichtiger wird

6. Januar 2026 | Beata Luczkiewicz
Lächelnde Frau neben Bildschirm auf dem CGM Praxis zu sehen ist und das Icon einer Cloud-Wolke

Die psychische Belastung in der Gesellschaft nimmt seit Jahren spürbar zu – und mit ihr der Druck auf die psychotherapeutische Versorgung. Psychische Erkrankungen gehören inzwischen zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsausfälle. Besonders auffällig ist der Anstieg der Fehltage: In nur zehn Jahren haben sie um mehr als 50 Prozent zugenommen. Vor allem junge Erwachsene zwischen 20 und 29 Jahren sind überdurchschnittlich betroffen, mit Zuwächsen von 31 bis 34 Prozent innerhalb eines einzigen Jahres. Die Nachfrage nach Therapien wächst.

Genau in dieser Situation zeigt sich, wie entscheidend es ist, dass psychotherapeutische Arbeit nicht ausschließlich an einen festen Ort gebunden ist. Ortsunabhängigkeit wird zunehmend zu einer Notwendigkeit, um einerseits die Versorgung stabil zu halten und andererseits den eigenen Arbeitsalltag gesund zu gestalten.

Wenn der Praxisraum nicht mehr der einzige Ort ist

Der therapeutische Prozess hängt nicht von vier Wänden ab. Ein erfahrener Psychotherapeut brachte es einmal so auf den Punkt: „Auf eine starke Nachfrage kann unterschiedlich reagiert werden. Es ist keine Frage des Ortes, sondern eine Frage des Rahmens. Und den trägt man mit sich.“ Entscheidend sind Werte wie Beziehung, Präsenz und Verlässlichkeit. Ob Patientinnen und Patienten Termine wahrnehmen können, entscheidet sich oft an ganz anderen Stellen. Dabei spielen Arbeitszeiten, Mobilität, Erkrankungen, familiäre Verpflichtungen oder schlichtweg Erschöpfung eine Rolle.

Ortsunabhängiges Arbeiten schafft hier Beweglichkeit. Es ermöglicht, auch dann im Kontakt zu bleiben, wenn äußere Umstände den Weg in die Praxis erschweren. Dazu kann eine Videositzung gehören, aber auch der sichere Zugriff auf die Dokumentation im Homeoffice oder flexible digitale Organisationsstrukturen, die den Alltag erleichtern.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind dabei klar: Videogestützte Psychotherapie kann mit hoher Vertraulichkeit und geschützten Räumen auf beiden Seiten auch außerhalb der Praxis stattfinden, jedoch nicht aus dem Ausland und nicht ohne sicheren Zugriff auf die Dokumentation und die TI. Wichtig ist: Video ist nur eine Form ortsunabhängiger Arbeit, nicht ihr Kern.

Kontinuität als therapeutische Basis

Therapie wirkt über Zeit. Regelmäßigkeit, Konsistenz und eine stabile Beziehung sind zentrale Faktoren für die therapeutische Wirksamkeit. Eine geringere Sitzungsfrequenz hat nicht nur eine längere Behandlungsdauer zur Folge, sondern kann auch deren Effektivität deutlich mindern. Besonders bei Angst- und Zwangsstörungen ist eine engmaschige Begleitung wichtig, um Vermeidungsverhalten nicht zu verstärken. 

Ortsunabhängige Arbeitsformen helfen, diese Kontinuität zu sichern:

  • Termine müssen seltener abgesagt werden.
  • Patienten bleiben häufiger angebunden – auch in belastenden Phasen.
  • Therapeuten gewinnen mehr Flexibilität, ohne ihre therapeutische Präsenz zu verlieren.

Das erweitert Handlungsspielräume, ohne die therapeutische Grundhaltung zu verändern.

Gruppentherapie und Versorgung: neue Räume, neue Chancen

Auch Gruppentherapien spielen für die Versorgung eine immer größere Rolle. Studien zeigen, dass sie in ihrer Wirksamkeit mit Einzeltherapien vergleichbar sind – und für viele Patientinnen und Patienten besonders stärkend wirken. Zudem können soziale Dynamiken direkt therapeutisch genutzt werden.

Ortsunabhängige Strukturen erleichtern es, Gruppen fortzuführen oder überhaupt erst zustande kommen zu lassen, etwa wenn Teilnehmende unterschiedliche Wege oder Mobilitätseinschränkungen haben. Das kann den Zugang deutlich verbessern, besonders für schwer erkrankte Menschen.

Zwischen Freiheit und Verantwortung

Für viele Therapeutinnen und Therapeuten bedeutet ortsunabhängiges Arbeiten auch eine persönliche Entlastung: weniger Pendelzeiten, flexiblere Zeitfenster für die Dokumentation und mehr Raum für die eigene mentale Gesundheit. Gleichzeitig erfordert diese Flexibilität eine klare Haltung: sichere Räume, sauber getrennte Arbeitsbereiche und ein reflektierter Umgang mit Technik. 

Cloudbasierte Systeme können diese Entwicklung unterstützen, sofern sie DSGVO-konform, sicher gehostet und professionell strukturiert sind, etwa durch flexiblen Zugriff auf die Dokumentation oder weniger organisatorische Hürden. Technik bleibt dabei Mittel zum Zweck und nie Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit.

Fazit: Therapie ist beweglich geworden

Ortsunabhängiges Arbeiten wird in der psychotherapeutischen Versorgung an Bedeutung gewinnen – nicht aus technischer Begeisterung heraus, sondern aus therapeutischer Notwendigkeit. Es schafft Möglichkeiten, Beziehung und Kontinuität zu wahren, wenn äußere Umstände dies erschweren. Zudem gibt es Therapeuten und Therapeutinnen mehr Spielraum, ihren Arbeitsalltag gesund zu gestalten. Therapie bleibt Therapie – und der Raum, in dem sie stattfindet, darf sich weiter öffnen.

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