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"Ich orte unendliche Naivität"

20. September 2023 | Josef Ruhaltinger
Durchsicht: Claudia Wild fordert von den Patient*innen-Initiativen mehr „Aware­ness“.
Sponsorgelder der Pharmawirtschaft dienten „dem Aufbau von Nachfragedruck“.
Durchsicht: Claudia Wild fordert von den Patient*innen-Initiativen mehr „Aware­ness“. Sponsorgelder der Pharmawirtschaft dienten „dem Aufbau von Nachfragedruck“.

Claudia Wild bürstet gerne gegen den Strich. Die Chefin des AIHTA erzählt von Pharmaspenden an Patienten-Initiativen und ärgert sich über eine Ärzteschaft, die ihre finanziellen Verbindungen zur Arzneimittelwirtschaft im Dunkel halten will.

Frau Dr. Wild, das AIHTA untersucht seit 2014 das Sponsoring von Patient*innen-Initiativen durch Mitgliedsunternehmen der PHARMIG. In Ihrem im Frühsommer veröffentlichten Bericht für das Jahr 2021 heißt es: „Es ist auffällig, dass besonders jene Initiativen hohe Sponsoringbeiträge erhalten, in denen es um sehr teure Therapien geht.“ Was bedeutet das?
 

Claudia Wild: "Wir reden über Marketingmaßnahmen der Firmen. Es soll über die Patienten-Initiativen Druck auf das öffentliche System und dessen Budgets aufgebaut werden, und zwar ausschließlich in den besonders lukrativen Bereichen. Wir müssen verstehen: Die Sponsorengelder sind Mittel zur Verkaufsförderung und keine altruistischen, humanistisch motivierten Beiträge der Pharmawirtschaft an die Patientenschaft. Die Marketingstrategien verschieben sich immer stärker von den Ärzten zu den Patienten."

 

Ist Verkaufsförderung im Gesundheits­bereich ein Problem?

"Es geht um Transparenz. Das AIHTA hat vor Jahren begonnen, Berührungspunkte zwischen der Ärztefortbildung und Zuschüssen durch die Pharmawirtschaft zu untersuchen. Damals war die Datenbank der österreichischen Ärztekammer, in der die Sponsoren der Ärztefortbildungen verzeichnet wurden, noch öffentlich verfügbar. Die bis dahin offenen Informationen wurden nach unserer Analyse offline genommen. Seither können wir diese Analysen nicht mehr durchführen. Damit war der Zweck erreicht. Wir waren erstaunt darüber, wie rasch und harsch die Ärztekammer reagiert hat."

Worum ging es bei Ihren Analysen zur Ärztefortbildung?

"Um es klarzustellen: Weiterbildung ist bei Gesundheitsberufen elementar und unverzichtbar. Wir konnten aber nachweisen, dass die gesponserten Ärztefortbildungen in hohem Ausmaß in jenen Bereichen stattfinden, in denen es um teure Therapien von chronisch Kranken geht. Patienten, die in größerer Zahl längere Zeit eine Krankheit haben, sind für die Unternehmen deutlich lukrativer als Erkrankte, die eine infauste (=ungünstige, Red) Prognose haben. Das wirft die ethische Frage auf, ob Patienten mit hohem ökonomischen Umsatzpotenzial einen anderen Heilungsanspruch haben als Patienten mit seltenen Krankheiten. Die Antworten darauf wollte zumindest in der Ärztekammer niemand hören. Da hat man uns die Tür vor der Nase zugemacht."

Pharmaunternehmen sind hier mit Informationen freizügiger?

Die Pharmig hat sich eine Selbstdeklaration bei Werbe- und Sponsorgeldern verordnet. Von Jahr zu Jahr legen immer mehr Firmen ihre Projekte offen.

Mit welcher Wirkung?

"Obwohl die Maßnahme der Pharmig nicht obligatorisch ist, sind die marketingverbundenen Aktivitäten der Pharmafirmen tatsächlich durchsichtiger geworden. Wir haben bei unseren Untersuchungen bei 90 von 115 Mitgliedsunternehmen der Pharmig Angaben zum Jahr 2021 gefunden. Das sind deutlich mehr als in den davor ausgewerteten Jahren. Auch eine Nulldeklaration – dies bedeutet, dass man nichts sponsere und keine Werbung mache – ist eine Form der Offenlegung. Die Angaben bescheren uns in Bezug auf Sponsoringaktivitäten bei Patient*innen-Initiativen ein relativ klares Bild."

Das wie aussieht?

"Die Strategien, die wir bei den Ärztefortbildungen bemerkt haben, sind genau die gleichen, die uns bei den Patient*innen-Initiativen begegnen. Das heißt, Pharmafirmen unterstützen vorrangig jene Initiativen, für die es lukrative Medikamente für chronisch Kranke braucht. Patientengruppen, die ohne Medikamente mit manueller Therapie oder Gesprächstherapien auskommen, werden nicht gesponsert."

Wenn die Unternehmen durch die Selbst­deklaration die Absichten offen legen – darf man es ihnen verübeln, ihre Therapien durch Sponsoring betroffener Gruppen in den Fokus zu rücken?

"Ich denke, dass der Schluss aus unserer Studie ist, dass es seitens der Patienten-Initiativen mehr Bewusstsein braucht. Heute heißt dies ´Awareness´. Die Pharmafirmen haben ein natürliches Verlangen, ganz bestimmte Gruppen zu sponsern und sie auf ihre Medikamente aufmerksam zu machen. Dass sie weniger Interesse an Patient*innen haben, die beispielsweise einen Fokus auf digitale Gesundheitsanwendung haben, liegt auf der Hand. Ich glaube, dass nirgends ein böser Wille dahintersteckt. Ich orte bei den Patienten-Initiativen allerdings unendliche Naivität."

Können Sie das erläutern?

"Patienten-Initiativen setzen sich für Entwicklungen ein, die ihnen vordergründig zugutekommen. Gleichzeitig lassen sie sich aber auch für die Interessen der Unternehmen einspannen, die kurz- und langfristig selten die ihren sind."

Welchen Einfluss haben Patienteninitiativen?

"Patienten-Initiativen bauen den Nachfragedruck auf. Das nenne ich großen Einfluss."

Von 90 antwortenden Pharmig-Mitgliedern haben 45 angegeben, dass sie Patienten-Initiativen unterstützen. Welche Unter­nehmen engagieren sich besonders?

"Dazu haben wir keine genauen Daten. Aber es sind in erster Linie Firmen, die Originalpräparate am Markt haben und so über ein Alleinstellungsmerkmal verfügen. Generika-Hersteller sind in dem Bereich eher nicht vertreten."

Insgesamt wurden 2021 von Pharmig-Unternehmen Zuwendungen an 117 Patienten-Initiativen in der Gesamthöhe von 2,7 Millionen Euro offengelegt. In der Welt der Pharmaunternehmen ist dies keine große Summe. Reichen diese Beträge, um Nachfragedruck aufzubauen?

"Das ist schwer zu beantworten. Warum sonst sollten die Unternehmen dies machen? Für die Patienten-Initiativen ist dies durchaus eine nennenswerte Summe. Sie können ihre Projekte am Laufen halten."

Welchen Einfluss nehmen die Pharma­firmen mit ihren Spenden auf die Patientengruppen?

"Größere Patienten-Initiativen haben meist einen wissenschaftlichen Beirat, in dem sehr oft Ärztinnen und Ärzte sitzen, die auch eine gewisse Nähe zu den Firmen haben. Der Einfluss ist sehr mittelbar. Im Kern geht es um den Aufbau von Nachfragedruck, den die Patienten- und Ärzteschaft sukzessive auf die Systemträger übertragen. Die Initiativen produzieren Aufmerksamkeit."

Gibt es Auswirkungen?

"Es fällt uns beispielsweise auf, dass das Sponsoring für Hämophilie in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Das hat damit zu tun, dass eine sehr, sehr teure Gentherapie auf den Markt gekommen ist, die unter den betroffenen Patienten bekannt gemacht werden soll. Dieser Zusammenhang ist unübersehbar."

Hat die Gesundheitsbranche ein Compliance-Problem?

"Wir sollten die Sache andersrum betrachten: Jede Branche, die mit öffentlichen Geldern arbeitet, ist anfällig für Einflussnahmen und – im schlimmsten Fall – für Korruption. Öffentliche Entscheidungsträger werden immer auf die eine oder andere Weise adressiert. Dies kann sehr subtil passieren. Dort, wo mit öffentlichen Finanzen gearbeitet wird, ist immer die Gefahr groß, dass sich die Sphären der Systemträger vermischen. In kleinen Ländern wie Österreich ist der Einfluss von zentralen Akteuren noch ein bisschen größer, weil diese gleichzeitigen Opinionleader sind. Es herrscht wenig Gegenwind. Und wer aus dem Rudel ausschert, der wird ausgestoßen. In größeren Ländern gibt es mehr Gegenmeinungen, die regulierend wirken. Die Anfälligkeit für Intransparenz und unsaubere Geschäfte ist in kleinen Ländern stärker gegeben als in größeren Ländern."

Österreich hat neun Millionen Einwohner. Nur Italien und Deutschland haben unter unseren Nachbarländern deutlich mehr Bürgerinnen und Bürger. Haben die kleinen Nachbarn auch alle die Probleme, die aus der Tatsache des „Jeder-kennt-jeden“ erstehen?

"Lassen Sie mich das Problem so erklären. Wir lassen alle unsere Assessments reviewen – das bedeutet, die Ergebnisse werden von unabhängigen Wissenschaftlern geprüft. Es ist wirklich schwierig, unbeeinflusste Kliniker zu finden, die nicht bei der Produktentwicklung eines bedeutenderen Medikaments involviert waren. Ein Beispiel ist die spinale Muskelatrophie, wo es inzwischen drei Arzneien gibt, die allesamt sehr teuer sind. Die gesamte Literatur zu den Therapien und sämtliche klinische Studien wurden von Leuten geschrieben, die auf die eine oder andere Form für die entsprechenden Firmen gearbeitet haben und Honorare bekommen haben. Das heißt, man kann keine oder kaum einen unabhängigen Reviewer finden."

Das müssen Sie erklären …

"Ohne verschwörerisch zu wirken: Da steckt eine Strategie dahinter. Wenn sämtliche namhaften Kliniker und Klinikerinnen eines Landes in die großen Studien involviert sind, steht überhaupt kein unabhängiges Wissen mehr zur Verfügung. Diese Leute sind vom Markt genommen. Fakt ist, dass sowohl die Patienten- als auch die forschende Ärzteschaft mit Honoraren oder Sponsorgeldern beeinflusst werden."

In Bezug auf Compliance ist im Gesund­heitsbereich etliches passiert. Seit 2014 gibt es die Vorgabe zur Offenlegung von Spenden und Stipendien für Unternehmen; die Ärzteschaft hat sich im selben Jahr einen Verhaltenskodex verpasst. Reichen diese Vorgaben nicht?

"Nein, sie reichen nicht. Wir befinden uns in einer Situation, in der die Pharmafirmen mit dem Offenlegen ihrer Sponsorentätigkeit durchaus transparenter werden. Die Firmen sind compliant. Nicht transparent ist die Ärzteschaft. Mediziner deklarieren nicht, wie viel Geld sie wofür von den Firmen erhalten haben. Die Offenlegungsrate ist unter den Ärzten extrem niedrig. Ärzte scheuen es, individuell genannt werden."

Wie steht es um die universitären und außeruniversitären Forschungs­institutionen?

"Die medizinischen Unis stehen unter massivem Druck, Drittmittelgelder anzuwerben und Drittmittelforschung zu machen. Für die Pharmafirmen gibt es den Vorteil, durch Kooperationen mit den Uni-Instituten gleichzeitig den Markt aufzubereiten. Keine Firma macht klinische Studien in einem Land, in dem das Medikament nicht auch verkauft werden soll. Es ist ein gewaltiger Systemfehler, die Unikliniken finanziell so stark unter Druck zu setzen, dass sie sich den Pharmafirmen nahezu andienen müssen. Die Höhe der Drittmittel ist sogar Teil der Bewertung von Unispitälern: Je mehr Fremdgelder, umso besser das Ranking."

Meine letzte Frage, die wenig mit Trans­parenz und Einflussnahme zu tun hat, aber sehr viel mit Pharmaunternehmen. Eines der Erklärungsmodelle für die Medika­mentenengpässe in Österreich ist, dass die Kassen – ebenso wie in Deutschland – für die Medikamente schlichtweg zu wenig bezahlen und die Konzerne die Arzneien deshalb in andere, lukrativere Märkte lotsen. Richtig oder falsch?

"Wir haben uns mit den Medikamentenengpässen wissenschaftlich nicht befasst. Aber es ist sehr offensichtlich, dass Europa für viele Unternehmen ein gesättigter Markt ist. Asien verfügt immer noch über ein dynamisches Wirtschaftswachstum. Zudem ist die dortige Bevölkerung gerade dabei, die westlichen Zivilisationskrankheiten zu übernehmen. Das heißt, der Bedarf an Arzneien steigt. Die Firmen richten sich konsequent nach Asien aus. Dort sind die Märkte. Das ist die eine Überlegung. Die andere ist, dass die Monopolisierung der Wirkstoffproduktion in Indien und China aus Logistiksicht eine Kata­strophe ist. COVID und ein schiefgelegtes Containerschiff haben uns gezeigt, wie fragil unsere Versorgungssysteme sind."

Halten Sie ein Comeback der Pharma­industrie in Europa für machbar?

"Selbstverständlich. Es gibt keine Branche, die derartig hohe Gewinnmargen aufweist wie die Pharmaindustrie. Es ist notwendig, dass Europa sich auf die Hinterbeine stellt und am Pharmamarkt wieder dominanter auftritt. Davon bin ich überzeugt."

Quelle: ÖKZ 08-09/2023, 64. Jahrgang, Springer-Verlag.

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