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Suizidalität bei Kindern und Jugend­lichen massiv gestiegen

11. September 2023 | APAMED (APA-OTS)
Kleines Kind sitzt depressiv am Boden eines öffentlichen Gebäudes.
Kleines Kind sitzt depressiv am Boden eines öffentlichen Gebäudes.

Experten der österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP) schlagen angesichts neuer Zahlen zur Suizidalität bei jungen Menschen Alarm. Daten aus dem klinischen Bereich belegen seit 2018 eine Steigerung bei suizidalen Gedanken und Handlungen bei unter 18-Jährigen um das Dreifache. Die ÖGKJP forderte bei einer Online-Pressekonferenz mehr Präventionsmaßnahmen. Vor allem die medizinische Versorgung gehört dringend verbessert.

In Österreich sterben pro Jahr etwa 1.100 Menschen durch Suizid, etwa 25-30 davon in der Altersgruppe der unter 18-Jährigen. Diese Zahl ist seit einigen Jahren stabil. 

Dennoch ist Suizid die zweithäufigste Todesursache in der Altersgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. 

"Das Thema der zunehmenden Suizidversuche, die wir sehen, beschäftigt uns sehr im klinischen Alltag", sagte Paul Plener, Klinikvorstand an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Universität Wien und Präsident der ÖGKJP. In der Altersgruppe würden zum ersten Mal suizidale Gedanken auftauchen, laut Studien würde gut ein Drittel der Jugendlichen einmalig darüber nachdenken, sich das Leben zu nehmen. Es sei laut Plener auch das Alter, wo sich zum ersten Mal Suizidversuche manifestieren.

Der Versuch stelle "eines der Hauptrisikofaktoren für spätere Suizide" dar, sagte der Mediziner. "Und wenn diese Zahl steigt, dann müssen wir dringend darüber nachdenken, wie wir Suizidprävention besser gestalten, damit wir das, was wir momentan sehen - einen Anstieg der Suizidversuche in den Kliniken, aber auch im niedergelassenen Bereich - eben nicht zu einem Anstieg der Suizide führt", bekräftigte Plener. In seiner Klinik im Wiener AKH hat sich die Zahl der Jugendlichen, die sich nach einem Suizidversuch gemeldet haben von 67 (2019) auf 200 (2022) gesteigert. Suizidgedanken finden sich bei mehr als der Hälfte (53%) der Jugendlichen, die sich in eine sogenannte Akutvorstellung begeben.

"Besonders erschreckend war für mich die Erfahrung, dass immer jüngere Kinder, auch schon im Volksschul- und eines sogar im Kindergartenalter über Suizidgedanken und teilweise konkrete Suizidpläne gesprochen haben. Sie waren einfach in einer verzweifelten Lage und wollten so nicht weiterleben," berichtete auch Ulrike Altendorfer-Kling, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Salzburg und Generalsekretärin der ÖGKJP. Diese Kinder würden kein konkretes Konzept haben und nichts über diese Endgültigkeit dieser Entscheidung wissen, aber haben das - vermutlich auch innerhalb der Familie - als "Problemlösungsstrategie" vorgelebt bekommen. Die Betroffenen und deren Angehörige würden aus "Angst vor Stigmatisierung" Hilfe oft zu spät in Anspruch nehmen. In Salzburg würden Menschen aus ländlichen Gebieten oft zwei Stunden Fahrtzeit in Anspruch nehmen, um zu einem Facharzt zu gelangen. Altendorfer-Kling, die die Kinder-Jugend-Seelenhilfe der Pro Mente Salzburg leitet, berichtete auch von einer Häufung an vollendeten Suiziden Jugendlicher im Zeitraum Oktober 2022 bis März 2023 in der Stadt Salzburg. Bei der Kids-Line, einer Telefonseelsorge für Kinder und Jugendliche, gab es mehr als eine Verdreifachung der Chatanfragen und Telefonate seit der Covid-19-Pandemie.

Ähnlich auch die Situation in der Steiermark: Am LKH Süd II in Graz wurden 103 Kinder und Jugendliche im Jahr 2018 aufgrund von einer suizidalen Krise aufgenommen, 2022 waren es schon 310 Patientinnen und Patienten, berichtete Isabel Böge, Abteilungsleiterin an der Klinischen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin der MedUni Graz sowie Primaria der Abteilung für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am LKH Süd und Vizepräsidentin der ÖGKJP. Dabei nahmen akute Belastungen und psychische Krisen als zugrunde liegende Diagnosen deutlich zu, während die Depression gleichbleibend hoch vorhanden war.

"Die Wiederaufnahmerate aufgrund von wiederkehrenden Suizidgedanken nimmt zudem deutlich zu", so Böge. "Wir haben aktuell noch keine Zunahme an vollendeten Suiziden. Das ist das, was es dringend gilt zu verhindern. Dass wir nicht solange zuwarten und der Entwicklung zuschauen, bis wir dann in einer zunehmenden Zahl von vollendeten Suiziden ankommen", betonte die Fachärztin.

Diese Zahlen machen deutlich, dass die Bemühungen im Rahmen der Suizidprävention in Österreich drastisch und schnell erhöht werden müssen. Die ÖGKJP forderte erneut einen kassenfinanzierten Zugang zu kinder- und jugendpsychiatrisch-fachärztlicher, psychotherapeutischer und psychologischer Hilfe für alle von psychischen Erkrankungen betroffenen Minderjährigen. "Wir haben zu wenig stationäre Kapazitäten, was auch mit einem Fachkräftemangel ein stückweit zu tun hat", sagte Plener. Österreichweit sind von etwa 800 Betten, die auf der Kinder- und Jugendpsychiatrie laut österreichischem Strukturplan Gesundheit verfügbar sein sollten, nur 432 vorhanden, sagte der Mediziner. "Wir sind weit entfernt von einer guten Versorgung." Im Burgenland etwa gäbe es kein einziges kinder- und jugendpsychiatrisches Bett.

Auch sollten Fördergelder in die Adaptierung und Implementierung von internationalen Best-Practice Modellen zur Nachsorge nach Suizidversuchen an Kliniken zur Verfügung gestellt werden, mit dem Ziel, diese an die österreichische Versorgungsrealität zu adaptieren. In den Kliniken gäbe es bei den Abläufen durchaus Optimierungspotenzial, meinte Plener. Suizidpräventionsprogramme, die bereits jetzt vorhanden sind, sollten im Rahmen der schulischen Suizidprävention im Zusammenwirken zwischen Gesundheits- und Bildungsressort flächendeckend in Österreich implementiert werden. Als Beispiel nannte Plener das "Youth Aware of Mental Health"-Programm aus Schweden, wo in den Schulen über mentale Gesundheit gesprochen werde. Zusätzlich müssen bauliche Maßnahmen zur Sicherung von bekannten Suizid-Hotspots getroffen werden und etwa Suizidmittel - etwa durch Reduktion von Abgabemengen bei Medikamenten - nicht so leicht verfügbar gemacht werden. Am Sonntag ist der Welttag der Suizidprävention.

Psychotherapie auf Kassenkosten forderte auch die NEOS-Gesundheitssprecherin Fiona Fiedler. "Die Bundesregierung muss dringend in die Gänge kommen und ihren schönen Worten auch Taten folgen lassen", sagte die Politikerin. "Schließlich zahlen wir alle schon seit 30 Jahren einen höheren Sozialversicherungsbeitrag für Psychotherapie - und trotzdem bekommt man nach wie vor nur einen Bruchteil der Behandlungskosten von der Krankenkasse zurück. Das muss sich endlich ändern, physische und psychische Schmerzen sind gleich zu behandeln."

 

Betroffene wünschen sich zentrale Anlaufstelle

Menschen in einer akuten psychischen Krise wünschen sich schnelle und unkomplizierte Hilfe. Eine mühsame Suche unter einer Vielzahl von psychosozialen Hotlines oder Anlaufstellen mit differierenden Öffnungszeiten helfe in dieser Situation nicht. Eine nationale Krisenhotline war neben einer allgemeinen Informationswebsite der große Wunsch der Betroffenen. Sie und ihre Angehörigen sind bei SUPRA, der Suizidprävention Austria, eine wichtige Säule.

SUPRA wurde vor elf Jahren vom Gesundheitsministerium ins Leben gerufen, um zu skizzieren, was in Österreich hinsichtlich Suizidprävention getan werden könnte bzw. sollte. "Wir haben das Rad nicht neu erfunden, sondern alle Stakeholder ins Boot geholt, auch Betroffene", meinte Alexander Grabenhofer-Eggerth, Abteilungsleiter Psychosoziale Gesundheit in der GÖG (Gesundheit Österreich GmbH) im APA-Gespräch. Es gab nämlich schon einen Präventionsplan, jedoch wurden erstmals genaue Zuständigkeiten und Zeiträume für Maßnahmen und Ziele festgelegt. Sogenannte "quick wins" - schnell erzielte Resultate ohne großen Aufwand - wurden hier definiert, etwa die Erstellung eines jährlichen Suizidberichts.

Das Thema ist nämlich immer noch mit vielen Tabus behaftet, sagte Grabenhofer-Eggerth. Auch wenn Suizidprävention in Österreich eine lange Tradition hat - bereits die Wiener Rettungsgesellschaft kümmerte sich seit 1910 darum, später auch die Mediziner Viktor Frankl, Erwin Ringel oder Gernot Sonneck -, würden sich Betroffene aus Scham trotzdem keine oder zu spät Hilfe suchen. Umso wichtiger ist der niederschwellige Zugang zu Hilfsmaßnahmen. Dieses Problem soll in Zukunft durch eine bundesweit einheitliche, überkonfessionelle Telefonnummer, die direkt an eine lokale Kriseninterventionseinrichtung weiterleitet, gelöst werden. "Daran arbeiten wir nach wie vor", sagte Grabenhofer-Eggerth.

Auch eine Website - derzeit sind die Informationen über SUPRA auf der Seite des Gesundheitsministeriums eingebettet - soll die nötige Auskunft für Hilfesuchende geben. Momentan führt von der Homepage des Ministeriums zunächst auf eine Webpage mit den wichtigsten Fakten.

Die anhaltenden Krisen nach der Pandemie bedeutet vor allem für Kinder und Jugendliche eine große Belastung. Das sei kein österreichisches Phänomen, diese Tendenz würde sich auch in anderen Ländern zeigen, so Grabenhofer-Eggerth. Seit Jahresbeginn 2021 wurde laut dem jüngsten Suizidbericht des österreichischen Gesundheitsministeriums "deutliche Hinweise auf eine Zunahme an Suizidgedanken und Suizidversuchen, vorwiegend bei Mädchen und jungen Frauen" verzeichnet. "Die Belastungssituation hat sich nicht entspannt", meinte Grabenhofer-Eggerth. Doch die Pandemie hätte einen Vorteil gehabt, es seien in dieser Zeit psychische Probleme öfter thematisiert worden und deshalb würde sich diese Altersklasse eher Hilfe suchen als ältere Betroffene, auch weil ihnen das laut Grabenhofer-Eggerth über das Internet leichter fällt.

Bei der älteren Generation ist allerdings das Thema Einsamkeit auch nach der Pandemie verstärkt eingetreten. Viele Angebote, die es für Pensionistinnen und Pensionisten gegeben habe, seien nach der Corona-Pandemie nicht mehr in dem Ausmaß wie zuvor vorhanden, glaubt der Experte. Auch die Angst vor großen Menschenansammlungen und einer möglichen Ansteckung lassen ältere Menschen eher zu Hause bleiben.

Die Situation bei der kassenunterstützten Psychotherapie hat sich in den vergangenen Jahren zudem weiter zugespitzt, vor allen in der Versorgung bei Kindern und Jugendlichen. Lange Wartezeiten für die Behandlung bzw. die Nachbetreuung gestalteten den Zugang laut Grabenhofer-Eggerth noch schwieriger. "Die Angebote für kassenfinanzierte Psychotherapie erreichen gerade zwei Prozent der Bevölkerung", sagte der Experte. "Wünschenswert wäre natürlich wesentlich mehr." Auf Nachfrage meinte der Psychologe: "Das Doppelte locker." Denn nach seinen Angaben leidet ein Viertel der Bevölkerung an einer psychischen Erkrankung. Nicht alle seien behandlungsbedürftig, die Hälfte der Fälle jedoch schon.

Vor allem in ländlichen Gegenden, wo es im Gegensatz zu Ballungsräume weniger Angebote gibt, können die Bedürfnisse der Betroffenen ganz anders sein. "Aber der zentrale Faktor in der Suizidprävention ist, dass Behandlungsmethoden verfügbar sind", so Grabenhofer-Eggerth. So wurden etwa vor drei Jahren Gatekeeper der Suizidprävention installiert. Das sind Berufsgruppen bzw. Personen, die eine Schlüsselposition als Ansprechpartnerinnen bzw. Ansprechpartner für betroffene Risikopersonen einnehmen. Diese Personen kommen aufgrund ihrer beruflichen oder sozialen Position mit betroffenen Personen in Kontakt und haben dabei die Chance, Hilfestellung zu geben bzw. essenzielle professionelle Hilfe zu vermitteln. "Das können Polizisten sein, aber auch Mitglieder einer Blasmusikkapelle", sagte der Psychologe.

SUPRA hat bereits international Aufmerksamkeit erlangt und 2017 eine Auszeichnung erhalten. Kurz vor Ausbruch der Pandemie wurde das Modell als eines von zwei europäischen Best-Practice-Beispielen ausgewählt, die zur Ausrollung über die EU-Joint-Action übernommen wurden. Das SUPRA-Handbuch, das die Erfahrungen seit 2012 zusammenfasst, bildet einen Leitfaden für die Umsetzung eines nationalen Suizidpräventionsprogramms, das auch für andere Länder hilfreich sein soll.

"Wichtig ist, dass eine suizidale Krise keine Einbahnstraße sein muss", sagte Grabenhofer-Eggerth. Betroffene, die einen Weg aus der Lebenskrise geschafft haben, gehören "vor den Vorhang geholt", um anderen Mut zu machen. Am Sonntag ist der Welttag zur Suizidprävention.

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