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Psychiatrie und Internet

28. September 2023 | APAMED (APA-OTS)
Teenager-Mädchen sitzt auf Bett vor ihrem Notebook und signalisiert mit ihrer linken Hand "Stopp".
Teenager-Mädchen sitzt auf Bett vor ihrem Notebook und signalisiert mit ihrer linken Hand "Stopp".

Fast eine Milliarde Menschen ist laut Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO/2019) von einer psychischen Erkrankung betroffen. Für Viele ist Hilfe aus finanziellen oder anderen Gründen nur schwer oder gar nicht erreichbar. Eine neue Möglichkeit sind Online-Therapien. Sie sind eines der Themen, die jetzt beim Weltkongress für Psychiatrie (28. September bis 1. Oktober) in Wien diskutiert werden.

Erst vor wenigen Tagen ist in "Nature Mental Health" die Studie eines britischen Autorenteams erschienen, das die Wirksamkeit und die Kosteneffizienz von Online-Verhaltenstherapien im Vergleich zu herkömmlichen Behandlungsformen mit direktem Kontakt der Patienten anhand der Daten von 27.540 Betroffenen zu bestimmen versucht hat. Zwei Hauptergebnisse, wie jetzt auch im Deutschen Ärzteblatt zu lesen war: 

Bei Kranken mit Depressionen war eine internetbasierte Verhaltenstherapie (entweder mit Online-Gesprächen oder per Online-Trainingspaket) genauso wirksam wie eine herkömmliche Behandlung. In je einem Viertel der Fälle konnte eine schwere Depression deutlich gemildert werden.

Mit de facto hundert- bzw. 90%iger Wahrscheinlichkeit (Depressionen bzw. Angststörungen) war laut den Autoren um Ana Catarino (ieso Digital Health/Cambridge) die "digitale Therapie" kostenmäßig günstiger: Pro Patient entstanden mehr als umgerechnet rund 400 Euro weniger Ausgaben als bei Präsenztherapie.

Der Komplex von Telemedizin und Online-Therapien ist jedenfalls eines der großen Themen beim Weltkongress für Psychiatrie im Austria Center Vienna. Der Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie an der Wiener Universitätsklinik (AKH) und Kongress-Co-Organisator Johannes Wancata: "Sicher wird man in Zukunft mehr Aktivitäten auch online durchführen. Bei jüngeren Patienten geht das besser als bei älteren. Es kommt aber vor allem auf das jeweilige Krankheitsbild an." Bei psychischen Erkrankungen, bei denen ein intensiver persönlicher Kontakt notwendig sei, wären Telemedizin bzw. Online-Angebote kaum angebracht. "Da geht es auch um die Beobachtung von Bewegung und Mimik der Betroffenen. Das funktioniert via Bildschirm schlechter", sagte Wancata. Ein klassisches Krankheitsbild sei hier beispielsweise die Schizophrenie.

Das hieße aber nicht, dass man nicht in Zukunft bei geeigneten Erkrankungen und auf Wunsch von Patienten Teile der Kommunikation und Betreuung zwischen Psychiater bzw. Therapeuten und den Betroffenen online abwickeln könne. Wancata: "Aber zunächst muss vorher ein genügend vertrauensvolles Verhältnis im direkten Kontakt aufgebaut werden." Das Umgehen von Terminproblemen, schnelle Hilfe im akuten Bedarfsfall, Betreuung auch bei Verhinderung (Anreise, Krankheit, sonstige Umstände) ließen sich telemedizinisch im Fall des Falles gut managen.

Ein diffizileres Kapitel sind da schon die mittlerweile vielen im Internet angebotenen, vor allem auf Verhaltenstherapie ausgerichteten Behandlungsprogramme, sozusagen "fertige Pakete von der Stange". Auch das sei eine "spannende Geschichte", betonte der Wiener Experte. Hier seien aber ungeheuer wichtige Themen noch nicht geklärt. "Da geht es um Sicherstellung der Datensicherheit und der Qualität. Solche Programme entwickeln und anbieten kann ja heute buchstäblich 'Jeder', ob das wirkt oder nicht - oder gar schadet. Hier hat Österreich Nachholbedarf", erklärte Wancata.

In Deutschland wurde mit der gesetzlichen Regelung für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) bereits vor einiger Zeit ein Rahmen geschaffen. Wenn klinische Studien einen ausreichenden Effekt belegen und Datensicherheit etc. gewährleistet sind, kann ein solches Programm in ein Register aufgenommen werden. Ärzte dürften das dann auch auf Kosten der Krankenkassen verschreiben. Das gibt es in Österreich noch nicht. "Solche Online-Anwendungen könnten wahrscheinlich am ehesten bei Depressionen, Angst- oder Essstörungen hilfreich sein", sagte der Wiener Experte.

Freilich, die Psychiatrie ist weltweit auch durch die unterschiedlichen Kulturkreise, Religionen und Traditionen geprägt. In Asien sind psychisch Kranke und auch ihre Angehörigen oft noch einem Ausmaß an Stigmatisierung ausgesetzt, das mittlerweile in den westlichen Industriestaaten kaum mehr vorstellbar ist. "In der medikamentösen Behandlung hat man dort, zum Beispiel in Indien, stark aufgeholt", sagte Wancata. In vielen Regionen beginne man jetzt sozialpsychiatrische Angebote aufzubauen, die es bisher nicht gab. Weltweit aber seien weiterhin viel zu wenige Ressourcen für Menschen mit psychischen Erkrankungen vorhanden.

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