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Am Wiener AKH ist die Einrichtung einer neuen Long-COVID-Ambulanz geplant. Angesiedelt werden soll diese an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Behandlungsversuche laufen dort bereits seit Längerem - und zwar nach einem aus der Depressionstherapie entlehnten Schema. Ein Öffnungsdatum ist noch nicht fixiert, die Planungen dürften aber vor dem Abschluss stehen: Interessierte können sich bereits vormerken lassen.
Bereits im Vorjahr wurde im ORF sowie dem Monatsmagazin "Datum" über Behandlungsversuche einer Gruppe rund um die Psychiaterin und Spezialistin für therapieresistente Depression, Lucie Bartova, an der Psychiatrie im Wiener AKH berichtet. Das vierstufige Konzept basiert laut den Berichten sowie laut der APA vorliegenden Informationen auf einem bei therapieresistenten Depressionen eingesetzten Behandlungsschema.
Eine Freigabe für ein APA-Interview kam nach einem Gespräch mit Bartova vorerst nicht zustande. Im Interview mit dem Magazin "Datum" vom Oktober des Vorjahres erklärte die Psychiaterin ihren Ansatz damit, dass Patientinnen und Patienten mit Long-COVID und Betroffene von Depression (beziehungsweise Angsterkrankungen) in vielen Fällen ähnliche Symptome hätten. Sie nannte hier beispielsweise Erschöpfung, Gedächtnis-, Aufmerksamkeit-, Konzentrations- und Schlafstörungen, chronische Schmerzen oder Herzrasen. "Also habe ich mir gedacht: Vielleicht lassen sich die Krankheiten auch ähnlich behandeln", sagte Bartova damals.
Postakute Infektionssyndrome (PAIS), zu denen auch Long- bzw. Post-COVID, aber auch die Multisystemerkrankung ME/CFS zählen, in die Nähe von psychischen bzw. psychiatrischen Erkrankungen zu rücken, wird von Patientenvertretern und ME/CFS-Spezialisten kritisch gesehen. In den vergangenen Jahren wurden wiederholt Warnungen laut, diese somatischen Erkrankungen als psychisch oder psychiatrisch einzuordnen. Insbesondere die sogenannte PEM (Post-Exertional-Malaise), eine Belastungs-Erholungsstörung, wurde und wird oft mit Depressionen verwechselt. Folgen sind oftmals Fehlbehandlungen wie schrittweise Aktivierung (etwa in der Rehabilitation), die bei Depressionen gute Ergebnisse erzielen. Bei PEM hingegen kann ein solches Vorgehen im schlimmsten Fall zu einer dauerhaften Zustandsverschlechterung bis hin zur Bettlägerigkeit führen.
Auch für die Forschung habe diese Fehlzuordnung Folgen: Im Vorjahr erklärte dazu die Immunologin Akiko Iwasaki von der Yale University (USA), dass viele der postviralen Krankheiten psychologisiert wurden, sei ein Grund dafür, dass zu den somatischen Ursachen von ME/CFS in den vergangenen Jahrzehnten so lange wenig geforscht wurde. Wissenschaftliche Ansätze, die die biologischen Grundlagen untersuchen, seien dadurch "außer Acht gelassen" worden.
Auf das neue Projekt von der APA angesprochen, wiederholte die deutsche Psychologin und ME/CFS-Expertin Bettina Grande diese Bedenken: Es sei ein "Riesenproblem für die Betroffenen, dass wieder alles in den psychiatrischen Brei kommt" - und nicht zwischen Fatigue, Belastungsintoleranz, PEM und Depression unterschieden werde. Sie sieht es auch als "Präjudiz´" wenn eine Long-COVID-Ambulanz an der Psychiatrie angesiedelt wird. Das Problem sei, was eine solche Entscheidung für Versorgung, Forschung und Sozialrecht bedeute, "wenn Post-COVID und ME/CFS als psychiatrisch verortet wird".
"Long-COVID-Ambulanzen müssten in der Immunologie und Neurologie verortet sein, meinetwegen in der Inneren Medizin. Aber absolut in der Somatik (Anm.: körperliche Medizin). Diese Verortung ist wegweisend für alles Weitere."
Bartova sprach sich im "Datum"-Artikel gegen eine Trennung zwischen psychischen und physischen Erkrankungen aus, diese sei "überholt". Selbst die Depression sei keine rein psychische Krankheit, "denn 'psychisch' ist eine historische Bezeichnung, die häufig fälschlicherweise als 'biologisch nicht existent' verstanden wird", sagte sie damals. Psychiatrische Erkrankungen seien Gehirnerkrankungen. Das Gehirn, so Bartova, sei das zentrale Organ des Körpers: Es steuere alle anderen Systeme. Sollten dort etwa Botenstoff-Systeme gestört sein, könne das Auswirkungen auf den gesamten Organismus haben.
Zum Einsatz kommt beim angewandten Schema anfangs die Gabe von pflanzlichen Arzneimitteln (Phytotherapie), in einem weiteren Schritt Antidepressiva und weitere Psychopharmaka, auch in Kombination. Wirkt all das nicht, dann kommt für einen (kleineren) Teil der Patienten eine Behandlung mit Ketamin infrage.
Gegenüber "Datum" sagte Bartova im Oktober, das Team habe bis dahin etwa hundert Patient*innen nach ihrem Schema behandelt. Bei den allermeisten habe sich eine Besserung gezeigt, erklärte sie.
In der APA vorliegenden Präsentations-Unterlagen des "CoviKET" genannten Projekts um Bartova wird das Konzept erörtert. Laut des Research Profils der Expertin für therapieresistente Depression (abrufbar unter: https://go.apa.at/s4GqtoRM) ist auch die Neurologin Birgit Ludwig, Leiterin der AKH-Ambulanz für funktionelle neurologische Störungen, an dem Projekt beteiligt. Long-COVID wird in den Unterlagen als "ein heterogenes und vielschichtiges Krankheitssyndrom, das vielfältige Symptome wie Fatigue, Schlafstörungen, Ängste, und depressive Symptome sowie vegetative und weitere psychosomatische Beschwerden wie z.B. Schmerzen oder Missempfindungen" umfasse, beschrieben.
Ludwig ist auch Hauptautorin einer 2023 erschienenen Übersichtsarbeit zu ME/CFS einer Gruppe österreichischer Neurologinnen und Neurologen, in der eine psychosomatische Ursache von ME/CFS in den Raum gestellt wurde: "Nicht zuletzt aufgrund der relevanten psychiatrischen Komorbiditätsrate beim ME/CFS ist nach der aktuellen Datenlage eine psychosomatische Ätiologie der Erkrankung zu diskutieren", hieß es dort. Der Artikel wurde kritisch kommentiert, etwa in einem u.a. von der deutschen ME/CFS-Spezialistin Carmen Scheibenbogen (Berliner Charité) und der nunmehrigen Leiterin des Referenzzentrums für postvirale Infektionssyndrome an der MedUni Wien, Kathryn Hoffmann, verfassten Leserbrief im "Nervenarzt": Die Aussagen von Ludwig und Kolleg*innen würden im Widerspruch zur aktuellen Evidenz stehen, hieß es dort.
In den Unterlagen des "CoviKET"-Projekts heißt es zu den möglichen Ursachen: "Derzeit vorherrschende Hypothesen zur Pathogenese nennen eine chronische Inflammation durch reaktivierte Viren, vaskuläre Schäden im ZNS (Zentralnervensystem, Anm.) sowie Störung der Neurotransmittersysteme sowie Neuroplastizität." Zahlreiche inflammatorische Marker seien daher bei Long-COVID erhöht, heißt es.
"Als Behandlungsstrategie wurde bisher auf bekannte therapeutische Algorithmen, die bei Depressionen, Angststörungen und ME/CFS angewendet werden, zurückgegriffen. Das umfasst Modifikation des Lebensstils ebenso wie medikamentöse Therapien." An der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie habe "darüber hinaus der Einsatz von nasal verabreichtem Esketamin im Sinne der Leitlinie für behandlungsresistente Depression Patientinnen zur Remission verholfen", heißt es weiter.
Ob das Kernmerkmal von ME/CFS - die postexertionelle Malaise (PEM), die auch bei Long-COVID vorliegen kann - in der Präsentation vorkommt, ist den der APA vorliegenden Ausschnitten nicht zu entnehmen. In der Leitlinie S1 für das Management postviraler Zustände heißt es dazu, PEM sei eine "nach (auch leichter) Alltagsanstrengung auftretende Verschlechterung der Beschwerden, die oft erst nach einer Zeitverzögerung von mehreren Stunden oder am Folgetag einsetzt". Beim Vorliegen von postviraler Fatigue sei auf das Vorhandensein einer PEM zu achten. Und: Postvirale Fatigue müsse "von organisch strukturellen Störungen nach COVID oder aus alternativer Ursache (physischer, psychischer oder sozialer Natur) unterschieden werden".