Pavol Dobrocky: "Nach allem, was ich sehe, sind die meisten Medikamente verfügbar. Es kann aber punktuell zu Engpässen kommen – etwa bei bestimmten Packungsgrößen oder einzelnen Produkten. Das betrifft vor allem den Generikabereich. Ein weiterer Faktor ist der Parallelhandel – Medikamente werden wie im Arbitragegeschäft von Händlern in einem Markt aufgekauft und in einen anderen verschoben. Das schafft Verwerfungen, gegen die Hersteller wenig Mittel haben."
"Grundsätzlich ist Österreich ein attraktiver Markt. Österreich zählt zu den wohlhabenden Ländern, und auch die Pro-Kopf-Ausgaben machen den Markt interessant. Der Nachteil liegt in der Größe. Zwar gibt es auf europäischer Ebene gemeinsame Regelungen, etwa bei der Zulassung von Medikamenten, doch wenn es um Preise, Marktzugang oder Erstattung geht, kocht jeder sein eigenes Süppchen. Aus Sicht der Versorgungssicherheit – und aus vielen anderen Gründen – ist dies nicht klug."
"Das ist die zentrale Frage. Global steht den großen Märkten wie den USA oder China ein fragmentiertes Europa gegenüber. Ein stärker koordinierter europäischer Ansatz – etwa gemeinsame Preisrahmen mit Anpassungen an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einzelner Länder – würde den europäischen Patienten und auch dem Pharmastandort Europa guttun."
"Trägheit ist sicher eines der Hauptprobleme Österreichs und Europas. Die USA bieten Innovationskraft und einen homogenen Riesenmarkt, China verfügt ebenfalls über hohe Forschungsqualität bei enormer Entwicklungsgeschwindigkeit. Wir hinken in jeder dieser Kategorien hinterher."
"Das kann ich Ihnen erklären. Wir haben ein in Wien entwickeltes Medikament, Zongertinib, am Ende der Forschungspipeline. Das ist ein Krebsmedikament zur Behandlung von fortgeschrittenem Lungenkrebs, dessen Tumore eine spezifische Mutation aufweisen. In den USA, China und Japan ist das Medikament bereits zugelassen. Im EU-Raum wird dies nicht vor 2028 passieren."
"Die Kriterien für eine Zulassung sind in Europa deutlich komplexer als in den USA. Und gehen Sie davon aus, dass auch die US-Behörden wissen, was sie tun. In der EU kommt das Produkt mindestens ein Jahr später auf den Markt. Das hat für die Produktions- und Vertriebsstrategien Konsequenzen. Es mag schon langweilig klingen, aber: Wir regulieren uns in Europa zu Tode – und Österreich macht da keinen Unterschied."
"Das System hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Heute richten sich viele Therapien an klar definierte, oft kleine Patientengruppen, und die Erstattung ist entsprechend eng gefasst. Hinzu kommt, dass sich der Einsatzbereich vieler Medikamente im Laufe der Zeit erweitert. In Österreich gilt dabei die Regel, dass für jedes neue Einsatzgebiet der Preis um zehn Prozent gesenkt werden muss. Da kann passieren, dass Sie bei einem erfolgreichen Medikament bei Preisen landen, die bei der Hälfte dessen liegen, was es bei der Erstlistung im Erstattungskodex gegeben hat. Das macht den österreichischen Markt für nachgefragte Produkte nicht attraktiver."
"(lächelt). Das ist eine böse Formulierung. Ich würde sagen, das Durchschnittsniveau für Pharmaprodukte liegt im unteren Mittelfeld. Patentgeschützte Medikamente halten ihren Preis, bei Generika geht es um Cent-Beträge. Bei diesen Beträgen ist es kein Wunder, wenn sie zusehends vom Markt verschwinden."
"Über den Nutzen: Wir sollten weg von der Betrachtung, dass Medikamente nur Kosten verursachen. Vielmehr sollte man sich anschauen, welchen Beitrag sie leisten – etwa zur Lebenserwartung, zu gesunden Lebensjahren und auch zur wirtschaftlichen Entwicklung."
"Das ist sehr real. Bis vor 13 Jahren war Hepatitis C eine chronische, unheilbare Krankheit, die meist zu einer Lebertransplantation geführt hat. Dann kam ein Medikament heraus, mit dem 94 % der Patienten geheilt werden können. Und die Diskussion war nur, wie viel das kostet. Das halte ich für menschlich nicht richtig und volkswirtschaftlich für verrückt."
"Wenn man die europäische Produktion erhalten will, ist das eine nachvollziehbare Überlegung. Hersteller, die verlässlich liefern und stabile Produktionsstrukturen bieten, sollten einen Vorteil haben. Dabei geht es weniger um Herkunft im engeren Sinn als um Versorgungssicherheit und Verlässlichkeit der Produzenten."
"Aktuell ist das kein Thema. Wir sehen derzeit weder bei den Rohstoffen noch bei der Energieversorgung akute Probleme. Boehringer ist in der Bevorratung traditionell konservativ und hat vorgesorgt."
"Die volatile Weltlage stellt uns natürlich vor Herausforderungen. Dank unserer Bevorratungsstrategie erwarten wir bei Boehringer Ingelheim aus heutiger Sicht keine Lieferengpässe."
Quelle: ÖKZ 2/2026, 67. Jahrgang, Springer-Verlag.
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