Jochen Werner hat die Uniklinik Essen zu einer der führenden europäischen Kliniken auf dem Gebiet der Digitalisierung geformt. Der HNO-Arzt erzählt von den schwindenden Spielräumen im Klinik-Management und von dem Unwillen der Systemträger, sich zu verändern.
Jochen Werner: "Bewegt. Zuerst war mir die Situation fremd. Ich habe mich über Jahrzehnte in einem System mit festen Vorgaben bewegt und war auf einmal ohne äußere Zwänge. Das ist erst einmal ungewohnt, bis man lernt, die neue Freiheit zu schätzen. In meinen Positionen hatte ich es mehr mit Grenzen zu tun und seltener mit Gestaltungsspielräumen. Man hat mir meist erklärt, warum etwas nicht geht, als dass man gemeint hat: Das packen wir an. Es braucht in einem Biotop wie einer Uniklinik enorm viel Energie, um auch nur kleine Steine zu bewegen."
"Ganz im Gegenteil. Es gibt so viel zu tun. Und das in einer immer höheren Geschwindigkeit. Klinik-Verwaltungen und Behördenwege kommen da nicht hinterher. Die Rahmenbedingungen sind in den letzten Jahren immer schwieriger und der Fokus auf die finanzielle Situation immer strikter geworden. Das betrifft alle Kliniken, nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, wie ich annehme, und ebenso in der Schweiz. Gleichzeitig ist die Dynamik enorm gestiegen. Ein Uniklinik-Tanker ist in Normalzeiten schon schwer zu lenken. Die Situation hat sich noch einmal verschärft. Heute befinden sich Gesundheitseinrichtungen in einem Dauerzustand des Reagierens."
"In der Vergangenheit konnten wir auch lenkende Maßnahmen setzen. Heute ist die Zeit so schnell, dass das System diese Langsamkeit nicht mehr verkraftet. Jetzt nutze ich meine Freiheiten, um die Dinge anzutreiben, soweit es in meiner Macht steht. Wir können uns diese Trägheit nicht länger leisten. Es wird unfassbare Veränderungen geben, die sich die meisten nicht einmal annähernd vorstellen können."
"Diese Themen beschäftigen mich jetzt so intensiv, dass ich sage, ich bin sehr froh, diese Zeit endlich zu haben. Ich bin nicht mehr bereit, Menschen gebetsmühlenartig zu irgendwelchen Maßnahmen oder Entscheidungen zu überreden. Es wird jeder seine eigenen Erfahrungen machen. Im Moment trennt sich unter den Akteuren die Spreu vom Weizen."
"Auf keinen Fall. Ich habe meine Erfahrungen gemacht und will nicht mehr länger darüber nachdenken, wessen Interessen durch welche Maßnahmen geschmälert werden. Wir sind mitten in einem systemischen Umbruch. Und der braucht Veränderungen."
"Für mich war völlig klar, dass Digitalisierung tausendprozentig Einzug halten und die Entwicklung bestimmen wird. Ich habe das damals schon in Gießen-Marburg thematisiert und oft gehört, das sei alles nicht finanzierbar. Ich habe immer geantwortet, dass dies die falsche Frage sei. Bei groben Veränderungen ist immer das Mindset ausschlaggebend. Man muss sich bewusst vornehmen, einen bestimmten Weg zu gehen. Ich bin mit meinem Kollegen und kaufmännischen Direktor am Tisch gesessen und wir haben bei jeder Investition konsequent gefragt: Bringt uns diese Maßnahme in der Digitalisierung des Hauses weiter oder nicht. Dass wir heute, nach über zehn Jahren, immer noch darüber diskutieren, ob Digitalisierung jetzt wirklich kommt, ist für mich ernüchternd und erschreckend."
"Und warum passiert dann nichts? Ich verrate es Ihnen: Veränderungen ruinieren Komfortzonen. Und es werden Entscheidungen verlangt, für die es keine Vorlagen gibt. Das Thema der Künstlichen Intelligenz hat sich in den letzten Jahren dramatisch entwickelt. Es sind Dinge möglich, von denen viele glauben, dass dies die Zukunft sei. Diagnostik funktioniert heute vollkommen anders als vor drei Jahren. Wie wird sie sich erst in zehn Jahren darstellen? In der Pathologie, in der Radiologie wird sich in den kommenden fünf Jahren mehr verändern als in den zwanzig Jahren zuvor. Daten werden zusammengeführt und ausgewertet, wir werden neue Krankheitsbilder erkennen, die es im Curriculum noch gar nicht gibt. Wir werden Therapien viel gezielter festlegen und steuern. Gleichzeitig wird sich Versorgung verlagern. Konzepte wie Hospital at Home beschreiben unseren Alltag, wo ein hoher Prozentsatz der Visiten über Monitoring erledigt wird. Da kann der Arzt am Polarkreis sitzen und dem Patienten wird trotzdem geholfen. Unsere Strukturen aus stationär und ambulant werden aufweichen und sich grundlegend verändern. Das wird stellenweise ja erkannt. Aber wir müssen die Konsequenzen vorwegdenken."
"Wir führen heute immer noch Diskussionen darüber, ob wir an die Klinik noch einen Ostflügel anbauen und ob ein Landkreis nicht doch sein kleines Spital modernisieren soll. Für mich greift das zu kurz. Krankenhausbauten müssen modular gedacht werden, als funktionierende Systeme. Es reicht nicht mehr, eine gute Fassade und ein modernes Zutrittssystem zu haben und möglichst viele OP-Säle zu installieren. Das ist nicht mehr State of the Art. Man muss berücksichtigen, wie Robotik einzieht, wie Logistik funktioniert, was der Drohnentransport verändern wird und wie KI-gestützte Dokumentationssysteme die Administration verändern. Das ist Vorwegdenken. Wie gesagt: Veränderungen schmerzen und sind nur selten gewünscht."
"Deutschland hat zu viele kleine Krankenhäuser, die viel Energie und Geld aus dem System saugen. Man kann die gleiche Versorgung in einem größeren Krankenhaus deutlich effizienter organisieren. Ich denke, Sie kennen die Problematik auch in Österreich. Was soll ich sagen: Geht nicht. In Deutschland hat man versucht, dem Problem über die Krankenhausreform beizukommen. Da ist jetzt wieder Sand ins Getriebe gekommen. Die jüngsten Kommunalwahlen bei uns haben gezeigt, dass die Bevölkerung das nicht will. Sie befürchtet, schlechter versorgt zu werden, wenn es 30 Minuten längere Anfahrtszeit ins Spital hat. Die Menschen haben Angst vor der Schließung der klinischen Nahversorger. Das ist legitim. Aber es ist faktisch unbegründet. Für die Entwicklung des Gesundheitssystems ist diese Haltung desaströs."
"Wir werden erleben, dass es einen echten Daten- und Informationsfluss gibt, von der Praxis in die Reha, von der Reha zurück in die Praxis, ins Krankenhaus und wieder hinaus. Der Hausarzt wird jederzeit sehen können, was mit dem Patienten passiert ist und wie er therapiert wurde. Wir brauchen die Datentransparenz – und wir werden sie bekommen. Wenn wir das nicht selbst hinkriegen, dann wird es über Druck von außen passieren. Dann bieten große US-Konzerne elektronische Gesundheitsakten an, in die der Patient selbst alle Daten einspeist und seinen Gesundheitsdienstleistern die Erlaubnis gibt, sie abzurufen, wenn sie gebraucht werden. Wir haben es also selbst in der Hand, ob wir das System gestalten oder ob Patienten irgendwann sagen, das ist mir alles zu kompliziert, ich gehe zu Amazon, Apple oder Google."
"Die Patient Journey ist ein entscheidender Punkt für den Bestand unseres Gesundheitssystems. In fünf bis zehn Jahren werden wir zurückblicken und sagen: Wissen Sie noch, wie das damals war, als man mit papiernen Befunden und CDs unterwegs war und der Hausarzt trotzdem nicht wusste, was passiert ist. Diese Brüche werden verschwinden. Ärztinnen und Ärzte werden nicht mehr am Computer sitzen und Texte schreiben, das läuft über Sprache, die Arzt-Patienten-Konversation wird direkt dokumentiert, und KI übernimmt Plausibilitätskontrollen. Da wird man sehen, wenn Werte nicht zusammenpassen, und Diagnostik wird schneller, besser und sicherer. Dadurch wird Therapie viel gezielter eingesetzt werden."
"Die Aufgabe des Arztes ist, diese Vorschläge einzuordnen und gemeinsam mit dem Patienten zu entscheiden. Es wird digital basierte Empfehlungen zu Therapien geben, es wird Angebote zu ergänzenden Diagnostikverfahren geben, die von Arzt und Patient abgewogen und auf Schiene gesetzt werden. Der Arzt wird der Pilot des Patienten sein. Er wird all die Werkzeuge nutzen, die es heute schon gibt, die aber aus welchen Gründen auch immer nicht eingesetzt werden. Wir werden gigantische Fortschritte in der Medizin erleben. Und es wird Akteure geben, die diese Tools nutzen, und es wird andere geben, die sagen, ach, weiß ich nicht, ich habe noch fünf Jahre bis zur Rente. Da gebe ich mich mit diesem Unsinn nicht mehr ab. Die Patienten werden entscheiden, ob sie Old-School-Behandlungen suchen oder nach State of the Art therapiert werden wollen. Und insgesamt wird die heute komplexe Reise durch das System deutlich einfacher. Die Wege durch das Krankenhaus, Wartezeiten, organisatorische Hürden – das wird in zehn Jahren viel unkomplizierter sein als heute."
"Digitale Tools werden uns helfen. Spätestens in zehn Jahren wird der Patient mit einem KI-Agenten arbeiten, der sagt: Ich habe hier einen Vorschlag, wir machen das und das. Gehen Sie doch in diese Praxis, ich kann Ihnen gleich einen Termin organisieren, Sie werden dort eingeloggt, und die Befunde stehen dann auch dem Krankenhaus zur Verfügung. Diese Transparenz ist der entscheidende Punkt. Das findet auch seinen Niederschlag im ewigen Kampf zwischen ambulant und stationär."
"Wir werden erst einmal lernen, dass das Krankenhaus für viele bequem, aber nicht für alles verfügbar ist. Die medizinische Kunst verlagert an nicht wenigen Stellen in den ambulanten Bereich, was das Gesundheitssystem deutlich effizienter macht. Das Gesundheitssystem in den USA ist in vielerlei Hinsicht kein Vorbild. Aber es ist durchlässig für Innovation. In den USA wird in vielen Einrichtungen eine Hüft-Endoprothetik bereits ambulant durchgeführt. Um dies zu schaffen, braucht es eine flankierende Infrastruktur wie Schmerzmanagement, vorbereitende Physiotherapie. Aber genau das werden wir zunehmend verstehen und auch abbilden können."
"Der Patient ist nie allein. Das KI-Tool wird ihn beraten. Das mag heute noch beängstigend klingen, aber gehen Sie davon aus, dass dies 2035 zum Alltag gehören wird. Die Menschen bewegen sich dann nicht mehr in einem Nebel, in dem sie nicht wissen, was passiert, und sich auch nicht trauen nachzufragen, sondern sie verstehen die Abläufe und können aktiv damit umgehen. Wissen wird insgesamt viel zugänglicher sein. Heute könnten Patienten oft schon unterstützt werden, aber das passiert nicht, weil die Ärzte und Pflegende im System mit Bürokratie ausgelastet sind. Genau das wird sich verändern. KI übernimmt einen Teil dieser Aufgaben, und dadurch entsteht wieder Raum dafür, dass sich Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte stärker auf die Patienten konzentrieren. Das passiert allerdings nicht automatisch. Man wird diese Übergänge aktiv gestalten müssen, auch mit Trainings und neuen Formen der Zusammenarbeit."
"Diese Rolle kommt mit Sicherheit dem Datenschutz zu. Das ist kein Stolperstein, das ist ein Fels, der uns immer wieder zu Fall bringt. Wir müssen den Datenschutz als Partner sehen und nicht als Gegner. Aber wenn Datenschutz nicht auch Gesundheitsschutz wird, dann werden die Menschen ihn umgehen. Dann nutzen sie andere Systeme, internationale Anbieter, Apps, alles, was ihnen hilft."
"Für mich ist klar: Gesundheitsschutz steht über Datenschutz. Wer dies anders sieht, soll eine Opt-out-Regel erhalten, damit er nicht mitmachen muss – und er muss dann die Konsequenzen in einem analogen System tragen. Aber wenn es notwendig ist, dass Ärztinnen und Ärzte oder andere Behandler alle relevanten Informationen haben, dann müssen sie diese auch bekommen. Wenn das durch Datenschutz verhindert wird, dann ist das letztlich eine politische Verantwortung, wenn Menschen Schaden nehmen oder im schlimmsten Fall sterben. "