Die Wiener Ärztekammer hat ihre Forderung nach einer Medikamentenabgabe in den Ordinationen bekräftigt. Der Vorstoß werde auch von der Mehrheit der Ärzteschaft unterstützt, wurde versichert. Besonders hoch ist die Zustimmung laut Studie vor allem bei jungen Mediziner*innen bzw. in Kassenordinationen. Eine Konkurrenz zu Apotheken will man nicht darstellen, versicherte Kammerpräsident Johannes Steinhart.
Es gehe vielmehr darum, die "Dimension der Komplexität" zu reduzieren, führte er in einer Pressekonferenz aus. Gewünscht wird eine Änderung des sogenannten Dispensierrechts. Ärzte sollten auf freiwilliger Basis ebenfalls Präparate abgeben dürfen, verlangt man. Wobei Steinhart klarstellte: "Das ist keine Hausapotheke." Solche gibt es am Land etwa in Gemeinden ohne Apotheken.
"Wir reden hier von einer Notversorgung", sagte der Kammerchef. Diese würde eine Erweiterung des bestehenden Angebots darstellen, keine Konkurrenz. Die Abgabe solle sowohl bei Allgemeinmedizinern als auch bei Fachärzten möglich sein. Die Gefahr, dass verschriebene Medikamente in der Apotheke nicht abgeholt würden, könne dadurch reduziert werden.
Die Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer und Obfrau der Kurie der niedergelassenen Ärzte, Naghme Kamaleyan-Schmied, zeigte sich überzeugt, dass sich die Versorgung der Patienten dadurch verbessern würde. Man müsse kranke Menschen dann nicht noch zu einer Apotheke schicken, die möglicherweise weit entfernt sei oder erst am nächsten Tag wieder öffne, gab sie zu bedenken. Betroffene würden mitunter auch mehr Diskretion wünschen - etwa beim Kauf von Psychopharmaka. Diese sei in der Ordination garantiert.
Untermauert wird die Forderung mit einer Umfrage unter rund 1.000 Ärztinnen und Ärzten aus dem Kassen- und Wahlarztsystem, die im Auftrag der Kammer vom Meinungsforscher Peter Hajek durchgeführt wurde. Laut dieser möchten 61% Medikamente direkt in der Ordination abgeben. Besonders hoch ist die Zustimmung bei den Jüngeren - mit bis zu 83% - sowie bei den Allgemeinmedizinern und in den Kassenordinationen.
42% würden dafür auch Randzeiten abdecken, hieß es. 33 % erklärten sich zudem bereit, die Öffnungszeiten zu erweitern. Weiters ist es für 12% der Wahlärzte laut Hajek vorstellbar, bei einer Abgabe-Erlaubnis ins Kassensystem zu wechseln. Auch hier sind vor allem jüngere Mediziner offen für diesen Schritt.
Als Vorteile wurden vor allem Zeitersparnis, schnellerer Therapiebeginn und höhere Patientenzufriedenheit genannt. Eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielten laut Hajek wirtschaftliche Aspekte. Als Hindernisse wurden der organisatorische bzw. bürokratische Aufwand ins Treffen geführt. Allerdings gehen laut Umfrage nur wenige Ärzte davon aus, dass sie mehr als 25 verschiedene Arzneimittel einlagern müssen.
Die Apothekerkammer bezeichnete die Forderung via Aussendung als "nicht nur medizinisch fragwürdig". Vielmehr sei diese auch gesundheitspolitisch fahrlässig, hieß es. Die Forderung nach einer Ausweitung der Medikamentenabgabe sei kein Beitrag zur Patientenversorgung, sondern nur der Griff nach einer zusätzlichen Einkommensquelle, wurde gemutmaßt. Finanziert werde dieser Zugriff durch die "wirtschaftliche Schwächung eines flächendeckenden Versorgungsnetzes".
"Wer Apotheken die Grundlage entzieht, fördert nicht die Gesundheitsversorgung. Er zerstört sie - langsam, aber sicher", warnte Philipp Saiko, Präsident der Apothekerkammer Wien. Am härtesten würde dies die Patientinnen und Patienten treffen. "Das Apothekennetz in Wien gehört zu den engmaschigsten in ganz Österreich." Es gebe dadurch auch keine Probleme mit der Versorgung von Medikamenten, hob er hervor.