Soziale Medien haben enormen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, wie eine Befragung unter Behandler*innen der Initiative "Gesund aus der Krise" zeigt. 74% der jungen User haben bereits einen problematischen Social-Media-Konsum, 82% können nicht mehr damit aufhören. Wie positiv Handy-Fasten auf die Jüngsten wirkt, zeigt eine Studie im Zuge der ORF-Sendung "Das große Dok-1-Handyexperiment", die am Mittwochabend gezeigt wird.
Die rund 340 Expertinnen und Experten von "Gesund aus der Krise" beobachteten das problematische Social-Media-Verhalten vor allem bei den Zehn- bis 13-Jährigen. Da sind ein Drittel bereits betroffen. Und auch Oliver Scheibenbogen, verantwortlicher Psychologe vom Anton Proksch Institut in Wien, der das ORF-Experiment begleitet hat, meinte, je früher der Erstkontakt mit dem Smartphone sei, desto schlimmer ist das Wohlbefinden später. Für ihn sei wichtig, dass Kinder und Jugendliche Erfahrungen von zwischenmenschlichem Verhalten in der Realität sammeln, denn im digitalen Raum lernen sie es nicht. Sogenannte Poweruser würden sogar ADHS-ähnliche Symptome entwickeln, weil sie motorisch unruhig wären, und es würde zu Fehldiagnosen kommen.
70% der "Gesund aus der Krise"-Therapeuten berichten, dass der Schlaf von Kindern und Jugendlichen von ihrer nächtlichen Social-Media-Nutzung beeinträchtigt sei. Bei 79 Prozent würden durch das Surfen auf Instagram, TikTok und Co. andere Freizeitaktivitäten und Hobbys verdrängt werden. 75% der Behandler*innen sagen, dass das Körperbild der Jungen sehr stark (33 Prozent) bzw. stark (42 Prozent) dadurch beeinflusst wird. "Gerade die Mädels können kein positives Körpergefühl entwickeln", sagte Beate Wimmer-Puchinger, Gesamtleiterin von "Gesund aus der Krise" und Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP). Das Körperbild wird stark an Online-Rückmeldungen, wie Likes, Follower oder Views, gemessen.
74% beobachteten, dass direkte Gespräche und Begegnungen im freundschaftlichen und familiären Umfeld häufig oder sehr häufig abnehmen. Und: 87% der Behandler sehen, dass Eltern mit der digitalen Mediennutzung ihrer Kinder stark oder sehr stark überfordert sind. Für Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Berufsverbands für Psychotherapie (ÖBVP) und Kooperationspartner von "Gesund aus der Krise" sind die Zahlen "extrem erschreckend". Social Media sei für sie ein "personalisiertes, unglaublich gefährliches Suchtmittel". Und sie beobachte auch, dass viele Kinder und Jugendliche in der realen Welt nicht mehr zurechtkommen würden.
Dass Handy-Fasten eine durchaus positive Entwicklung nimmt, zeigte "Das große Dok-1-Handyexperiment", bei dem Kinder und Jugendliche drei Wochen auf ihr Handy verzichtet haben. Untersucht wurde, wie sich das auf Schlafqualität, Stress und Wohlbefinden auswirkt. Drei wissenschaftliche Befragungen wurden vor Experimentbeginn (4. März 2026), am Ende des Experiments (24. März 2026) und fünf Wochen nach Ende des Experiments durchgeführt, um den Langzeiteffekt zu messen. Mehr als 72.000 Jugendliche aus Österreich, der Schweiz, Deutschland und Südtirol haben sich dafür angemeldet, knapp 46.000 haben daran teilgenommen. Fazit: Das Handy-Fasten brachte eine deutliche Verbesserung des psychischen Wohlbefindens, am stärksten in der Gruppe, die komplett auf das Handy verzichtet hat.
Exakt 45.656 Schülerinnen und Schüler haben die dafür notwendigen wissenschaftlichen Befragungen ausgefüllt. Etwa 32.000 davon kamen in die Versuchsgruppe - kompletter Entzug bzw. Light-Variante - und ca. 14.000 in die Kontrollgruppe, die das Mobiltelefon weiter benutzten. Zwei Drittel haben das Experiment die vollen 21 Tage durchgezogen. Die Jüngeren haben das Ganze eher durchgehalten als die Älteren. Die meisten Rückfälle hat es an Tag 1 gegeben. 16 Prozent aller, die rückfällig geworden sind, haben am ersten Tag ihre Smartphones wieder benutzt. Jene Gruppe, die komplett auf das Smartphone verzichtet hat, hat insgesamt 7.373.016 Stunden am Smartphone eingespart, so die Ergebnisse, die in der Sendung Mittwochabend um 20.15 Uhr in ORF 1 und auf ORF ON mit Host Lisa Gadenstätter zu sehen sind.
Bei der ersten Befragung gaben 58 Prozent an, leichte bis mittelgradige Symptome einer Depression zu verspüren. Acht Prozent hatten mittelgradig schwere und drei Prozent schwere Symptome einer Depression. Nach drei Wochen ist der Anteil jener, die keine Depressionen haben, um etwa 15 Prozent gestiegen. Die leichten bis mittelgradigen Symptome einer Depression sind um ca. zehn Prozent gesunken. Und auch bei den schweren Depressionen hat es einen Rückgang von 2,9 auf 1,7% gegeben.
Die Ein- und Durchschlafstörungen haben sich um mehr als 20% verringert. Für Scheibenbogen ist dieser Wert beachtlich und zeigt: Es brauche keine Medikamente, um den Schlaf zu verbessern, es reiche einfach, auf das Handy zu verzichten und man merke Verbesserungen, so der Psychologe. Und auch zum Zeitpunkt der ersten Testung bei der ORF-Studie wiesen knapp 71% ein problematisches Internetnutzungsverhalten auf. Nach drei Wochen ist dieser Wert auf 58% gesunken.
Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) betonte bei der Präsentation am Mittwoch, sie sei zuversichtlich, dass das Gesetz zum Social-Media-Verbot Ende Juni "auf den Weg gebracht" werde. Besonders interessant: Bei der ORF-Studie sprachen sich zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler für ein Social-Media-Verbot aus - bis zum zwölften Lebensjahr sagen 20%, bis zum 13. Lebensjahr 17% und bis zum 14. Lebensjahr ebenfalls 20%.
"Viele beginnen den Tag mit Social Media und beenden den Tag mit Social Media", so Schumann. "Das dürfen wir nicht unterschätzen. Denn ein Like ersetzt kein Gespräch, ein Feed ersetzt keine Freundschaft und digitale Kontakte ersetzen keine echten Beziehungen."
Das Mental-Health-Projekt "Gesund aus der Krise" wurde 2022 während der Corona-Pandemie ins Leben gerufen. Bisher bekamen dort mehr als 54.000 Kinder und Jugendliche klinisch-psychologische, gesundheitspsychologische, psychotherapeutische und musiktherapeutische Behandlungen. Das Gesundheitsministerium hat für die aktuelle Projektphase 35,15 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das Behandler-Pool umfasst 1.500 Expertinnen und Experten.