Österreich

SAP: Ab­schied mit Auf­preis

20. Februar 2026 | Martin Hehemann
Detailansicht eines Mannes mit "geschwollenem, blauem Auge".
Detailansicht eines Mannes mit "geschwollenem, blauem Auge".

Mit der geplanten Einstellung der SAP-Software IS-H müssen Spitäler aufwendige IT-Projekte starten. Die gute Nachricht: Es gibt eine Reihe von brauchbaren Alternativen. Die schlechte: Die laufenden Kosten steigen deutlich.

"Wir werden wohl mit einem blauen Auge davonkommen.“ So beschreibt der IT-Manager eines Krankenhausbetreibers einen technischen Notfall, der die österreichischen Spitäler seit einiger Zeit intensiv beschäftigt. Nachsatz: „Das Auge ist allerdings tiefblau und stark angeschwollen.“ Es war der deutsche Softwareriese SAP, der seinen Kunden im Gesundheitsbereich den schmerzhaften Schlag auf das Sehorgan verpasste. Es geht um den sehr aufwendigen Austausch einer komplexen Softwarelösung, der durch eine Entscheidung von SAP notwendig wird. Der Konzern hatte im Herbst 2022 angekündigt, den Support für seine am Markt weitverbreitete Software IS-H schrittweise einzustellen. Es soll dabei ein Fading-out geben: Ende 2027 wird der reguläre Support beendet. Ende 2030 wird auch der aufpreispflichtige Extended Support gestoppt. Seitdem befinden sich die IT-Verantwortlichen der heimischen Spitäler im Alarmzustand. Denn praktisch alle öffentlichen Krankenhäuser und damit rund 95 Prozent der Patienten sind von dem IT-Debakel betroffen.

 

Milde Untertreibung

Über die leistungsstarke Software werden die gesamte Administration der Patientendaten und die höchst komplexe Patientenabrechnung abgewickelt. „Ohne IS-H können keine Patientinnen oder Patienten aufgenommen werden, keine Leistungen beschrieben, keine Entlassungen vollzogen und keine Abrechnungen durchgeführt werden“, meint Walter Schinnerer, Fachvorstand der Vereinigung der Deutschsprachigen SAP-User (DSAG) in Österreich. 

In anderen Worten: Ohne IS-H geht nichts. 

Seit Herbst 2022 fragen sich die IT-Manager der Krankenhäuser: Schaffen es die Softwareanbieter, rechtzeitig Alternativen für IS-H zu entwickeln und haben sie ausreichend Kapazitäten, um die Implementierungsarbeiten bis spätestens Ende 2030 zu beenden? Die Antworten darauf liegen nun endlich am Tisch: ja und höchstwahrscheinlich.

Während die Kliniken in Deutschland selbst abwägen müssen, auf welchen Systemanbieter sie in Zukunft setzen, wurden sie in Österreich durch die Bundesbeschaffung GmbH (BBG) mit zwei Ausschreibungsverfahren unterstützt. Das erste wurde Mitte 2025 abgeschlossen. Es gilt für IS-H-Alternativen, die weiter auf der SAP-Technologie basieren –, was den Spitälern die Umstellung erleichtert.

 

Rahmenverträge von der BBG

Die BBG hat hier Rahmenverträge für zwei Produkte vereinbart. Die erste Lösung namens TSHC wird von der Österreich-Tochter des deutschen T-Systems-Konzerns gemeinsam mit dem österreichischen Software-Spezialisten ATSP angeboten. Sie steht im SAP-Standard-Frontend zur Verfügung und ist bereits am Markt. Die zweite Bietergemeinschaft wird aus dem österreichischen Softwarehaus SCC und dem deutschen Anbieter GITG gebildet. Ihr Produkt arbeitet browserbasiert und soll ab dem zweiten Quartal 2026 zur Verfügung stehen. Christoph Wuczkowski, Sprecher der Arbeitsgruppe Gesundheitswesen Österreich (SAGA), begrüßt die Ergebnisse der Ausschreibung. Auch das Resultat der zweiten Ausschreibung, die Anfang des Jahres abgeschlossen wurde, habe „Transparenz und Produkt-Sicherheit“ geschaffen. 

Die zweite Ausschreibungs-Runde galt den IS-H-Nachfolge-Programmen, die nicht auf der SAP-Technologie basieren. Die BBG hat in diesem Verfahren Rahmenvereinbarungen mit drei Herstellern geschlossen: mit den österreichischen Anbietern PCS und CliniCenter und dem internationalen Branchenriesen CGM.

Die betroffenen Spitäler haben nun die Möglichkeit, auf Basis der in den Rahmenverträgen vereinbarten Konditionen mit den einzelnen Anbietern in die Detailgespräche zu gehen. Die Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft KAGes hat die erste Tranche dieser Gespräche mit den Herstellern der SAP-basierten Lösungen bereits abgeschlossen. Die zweite Tranche mit den anderen drei Anbietern folgt. „Wir werden auf Basis der funktionalen und finanziellen Ergebnisse entscheiden“, meint Markus Pedevilla, Direktor für Digitalisierung, IT, Organisationsentwicklung und Innovationen bei der KAGes. „Viel wird davon abhängen, wie SAP sich bei den Lizenzkosten in den kommenden Jahren positioniert.“

 

Doppelte Lizenzen

Damit spricht der KAGes-Manager einen heiklen Punkt an, der nicht nur ihm Sorgen bereitet. Denn obwohl sich SAP eigentlich spätestens mit Ende 2030 aus den Spitälern verabschiedet, bleibt der Konzern diesen weiter verbunden – und zwar finanziell in Form von Lizenzgebühren, die von jenen Spitälern zu zahlen sind, die sich bei der IS-H-Nachfolge für eine SAP-basiertes Lösung entscheiden. „Es ist noch unklar, wie hoch diese Lizenzgebühren in Zukunft sein werden“, so Pedevilla. Auch SAGA-Sprecher Wuczkowski, im Hauptberuf als IT-Manager bei der Vinzenz Gruppe tätig, geht von deutlich steigenden Kosten aus. „Die Kosten werden massiv steigen, weil neben den SAP-User-Lizenzen noch zusätzliche Lizenzgebühren für die IS-H-Nachfolgeprodukte anfallen“, meint Wuczkowski.

Dieser Aspekt öffnet eine Tür für die Anbieter der nicht-SAP-basierten Lösungen. 

Hier kommt zudem noch eine weitere Überlegung ins Spiel. IS-H ist in zwei Dritteln der Häuser eng mit i.s.h. med verknüpft. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Krankenhausinformationssystem (KIS), mit dem die medizinischen Daten der Patienten erfasst werden – von der Anamnese über die Therapie bis zur Nachbehandlung. Das Programm wurde ursprünglich von SAP entwickelt und läuft daher auf der Technologie des Hauses. Es gehört aber mittlerweile Mitbewerber Oracle, der einen Nachfolger auf den Markt bringen will. Die Folge: Die Spitäler brauchen auch ein neues KIS. Wann genau das sein wird, ist unklar. Oracle würde dem Vernehmen nach i.s.h. med noch gerne bis 2035 weiterführen. Dazu bräuchte das Unternehmen aber die Zustimmung von SAP. Ob und wann die beiden Konzerne sich hier einigen werden, steht in den Sternen. Es kann durchaus sein, dass der i.s.h. med-Nachfolger bereits 2030 an den Start gehen muss.

 

Schnelle Entscheidungen notwendig

Die betroffenen Krankenhäuser müssen daher rasch über eine wichtige strategische Weichenstellung für die Ausrichtung ihrer IT entscheiden: Sie können der SAP-Technologie die Treue halten und bei der Nachfolge von IS-H und i.s.h. med auf SAP-basierte Lösungen setzen. Das erleichtert die Umstellung und bietet den Vorteil, dass die Zusammenarbeit mit den Finanzsystemen erleichtert wird, die ebenfalls auf SAP-Technologie laufen. Oder sie verabschieden sich von SAP und nehmen in Kauf, dass eine mögliche Bruchstelle zu den Finanzsystemen entsteht.

Bei dieser Entscheidung könnte laut DSAG-Fachvorstand Österreich Schinnerer ein weiteres Ausschreibungsverfahren der staatlichen BBG helfen. „Die BBG prüft derzeit, ob es möglich ist, auch für die KIS-Nachfolge Rahmenvereinbarungen mit Anbietern abzuschließen.“ 

Klar ist jedenfalls: Die Zeit drängt. 2030 ist nicht mehr weit – wenn man weiß, wie zeitaufwendig komplexe IT-Projekte sind. SAGA-Sprecher Wuczkowski rät den heimischen Kliniken zum raschen Handeln: „Wenn nicht schon erfolgt, sollten sie ihre Systeme schleunigst einem Readiness-Check oder einer adäquaten technischen Analyse unterziehen“, so der SAGA-Vertreter. „Es gilt, sich breit zu informieren.“

Wuczkowski schließt dabei auch Cloud-Lösungen grundsätzlich nicht aus. Er verweist auf verschiedene Anbieter, die Cloud-fähige KIS-Lösungen anbieten. „Ebenso sollten die individuelle IT-Strategie verabschiedet und der Rahmen für notwendige Investitionen abgesteckt werden.“ Dazu zähle auch eine Priorisierung weiterer Projekte wie die Transformation auf das neue SAP-Betriebssystem S/4HANA. Sein Haus, die Vinzenz-Gruppe, geht da mit gutem Beispiel voran. Das Unternehmen hat sich als erster Krankenhausbetreiber in Österreich für einen IS-H-Nachfolger entschieden: Es setzt auf die Lösung von T-Systems und ATSP.

 

Quellen und Links:

 

Quelle: ÖKZ 1/2026, 67. Jahrgang, Springer-Verlag.

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