Gerald Sendlhofer: "Im Alltag? Da hat die Professur vor allem eines gebracht: mehr Arbeit."
"In zweiter Linie hat die Berufung ein Stück mehr Aufmerksamkeit für unsere Inhalte gebracht. Das Thema Patientensicherheit hat durch die akademische Verankerung eine andere Griffigkeit und Wertigkeit bekommen. Die Professur hat es ermöglicht, das Thema nicht nur operativ, sondern auch strategisch weiterzuentwickeln. Das Thema wurde – unabhängig von meiner Person – auf ein neues Level gehoben. In Österreich gibt es nur diese eine Professur, vergleichbare Stellen existieren lediglich je einmal in der Schweiz und in Deutschland. Aber es stimmt schon: Es ist nicht so, dass dieser Schritt völlig unbemerkt an mir und meiner Umgebung vorbeigegangen wäre."
"Patientensicherheit lässt sich in einem Universitätsklinikum nur dann nachhaltig verankern, wenn alle drei Säulen bedient werden: Patientenversorgung, Forschung und Lehre. Ein Thema rein reaktiv zu bearbeiten – also erst auf Schadensfälle zu reagieren –, greift zu kurz. Ziel war es, proaktiv zu werden, vorzubeugen, bei unterschiedlichen Stakeholdern anzudocken und das Thema breit zu etablieren. Erst durch Forschung, Publikationen und Lehre wurde Patientensicherheit als eigenständiges wissenschaftliches Feld wahrgenommen – auch auf Augenhöhe mit klinischen Disziplinen."
"Ein zentrales Feld ist die Medikationssicherheit. Hier konnten in mehreren Studien große Fortschritte erzielt werden, unter anderem durch den Einsatz von KI mit sehr hohen Erkennungsraten. Ein weiteres Kernthema sind sogenannte Never Events – also Ereignisse, die eigentlich nicht passieren dürfen, etwa Patientenverwechslungen oder Eingriffe an der falschen Körperseite. Hier spielen standardisierte Instrumente wie chirurgische Checklisten eine zentrale Rolle. Ein drittes großes Thema ist Hygiene, eng verbunden mit Antibiotikaverbrauch und Antibiotikaresistenzen. Dazu kommen Fragen des ´Speak up´ und der dafür nötigen Sicherheit: Mitarbeiter melden sich zu Wort und sprechen Risiken an."
"Patientensicherheit ist das unmittelbare Ergebnis von Führungsqualität. Sicherheitskultur kann sich von Station zu Station stark unterscheiden – und korreliert eng mit den verantwortlichen Persönlichkeiten. Sie bestimmen, ob Kritik zugelassen wird, ob Mitarbeitende ihre Stimme erheben dürfen. Und dies entscheidet, ob Risiken früh erkannt werden. Hierarchische Strukturen können ´Speak up´ behindern, flachere Strukturen fördern es. Die Qualität der Arbeit hängt daher stark davon ab, wie geführt wird. Fehler haben im Gesundheitsbereich unmittelbare Konsequenzen – für Patienten, aber auch rechtlich für die handelnden Personen."
"´Speak up´ ist ein zentrales Forschungsthema. Gemeinsam mit internationalen Partnern werden psychometrische Instrumente eingesetzt, um Sicherheitskultur messbar zu machen. Aktuell werden Interventionen geplant, um zu untersuchen, wie sich gezielte Maßnahmen auf Kommunikationsverhalten und Sicherheitskultur in einem Universitätsklinikum auswirken."
"Der Fokus liegt zunehmend auf integrierter Versorgungsforschung und Automatisierung. Aktuelle Projekte beschäftigen sich mit digitalen Anwendungen zur Nachsorge, etwa bei onkologischen Erkrankungen. Ziel ist es, ambulante, stationäre und niedergelassene Bereiche besser zu vernetzen, Patienten stärker einzubinden und Transparenz über Versorgungsprozesse zu schaffen. Weitere Themen sind Gesundheitskompetenz und die aktive Rolle von Patienten in ihrer eigenen Versorgung."